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EDITO

Neben den Regional-, Föderal- und Europawahlen stehen am 26.Mai vor allen Dingen die Gemeinschaftswahlen vor der Tür. Und von deren Ausgang hängt auch die künftige Ausrichtung der Gesundheitsversorgung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft ab. Im Zuge der Veröffentlichung des Memorandums zu den Wahlen 2019 befragt Miteinander Madeleine Grosch, Verwaltungsratsvorsitzende der COK, und Christian Maréchal, Direktor der sozio-pädagogischen und der medizinisch-sozialen Abteilung der CKK, zu den Herausforderungen im Gesundheitswesen.

Frau Grosch, Herr Maréchal: im Zuge der 6. Staatsreform wurden die Kompetenzen im Gesundheitssektor in der DG umverteilt. Politik und Verwaltung üben seit dem 1. Januar 2019 einen größeren Einfluss als bislang aus. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Madeleine Grosch (MG): Bis zur 6. Staatsreform hatten die Krankenkassen den Auftrag seitens des Föderalstaates, die Gesundheitsversorgung zu garantieren. Dies hat bis dato gut geklappt, und in den anderen belgischen Gliedstaaten sind die Krankenkassen weiterhin mit der Verwaltung der übertragenen Kompetenzen betraut. In der Deutschsprachigen Gemeinschaft jedoch haben die politisch Verantwortlichen und dasMinisterium beschlossen, die Reform eigenhändig zu managen und sind für verschiedene Bereiche nun selbst zuständig. Diese Entscheidung bereitet mir große Sorgen, weil die Deutschsprachige Gemeinschaft auf Erfahrungswerte sowie auf nationale und internationale Netzwerke der Krankenkassen verzichtet. Das kann auf Dauer zum Nachteil für die hiesige Bevölkerung werden. Zudem werden Parallelstrukturen geschaffen – ein ganzheitlicher Ansatz, bei dem der Mensch im Mittelpunktsteht, geht verloren. Da Teile der Patientendaten nun an verschiedene Stellen ausgelagert werden, ist es für Sachverständige schwierig, den Gesundheitszustand eines Patienten in seiner Gesamtheit zu erfassen. Ein Qualitätsabfall ist wahrscheinlich und kann zu Problemen in der Entschädigung führen.

Was schlägt die Christliche Krankenkasse vor, um dieser Fragmentierung entgegenzuwirken?

Christian Maréchal (CM): Als Experten im Bereich der Gesundheitsversorgung müssen die Krankenkassen, wie in den anderen belgischen Teilstaaten auch, in der DG mitgestalten und mitverwalten dürfen. Dies ist derzeit nicht der Fall. Aus der Bevölkerung häufen sich die Rückmeldungen, dass die Gesundheitsversorgung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft zu komplex ist und die Wege zu lang sind. Für den Bereich Gesundheit fordern wir eine paritätische Konzertierung, demnach gleichmäßiges Stimmenverhältnis und regelmäßigen Dialog auf Augenhöhe. Im Verwaltungsrat der Dienststelle für selbstbestimmtes Leben (DSL) beispielsweise stellen die Krankenkassen nur zwei von neun Vertretern. Das ist keine Gleichberechtigung. Wir plädieren für eine Konzertierung auf allen Ebenen: zwischen den Gliedstaaten und mit der Föderalregierung, aber auch zwischen Einrichtungen, Behörden oder Kabinetten. Denn Gesundheit ist eine transversale Angelegenheit und betrifft alle Lebensbereiche.

Eine ganzheitliche Begleitung möchte die Christliche Krankenkasse künftig auch dadurch gewährleisten, dass verstärkt in die Prävention und Gesundheitsförderung investiert wird. Doch auch in diesem Bereich ist das Ministerium der DG aktiv. Eine Pattsituation?

MG: In diesem Zusammenhang würden wir uns wünschen, dass die Verantwortlichen mit den Krankenkassen kooperieren. Doch statt auch hier auf vorhandene Expertise zurückzugreifen, setzt man auf Stellenausbau in der Verwaltung und rekrutiert Angestellte, die nicht zwangsläufig mit dem belgischen Gesundheitswesen vertraut sind. Dabei ist die 6. Staatsreform eindeutig auf Prävention und Gesundheitsförderung ausgelegt – eine enge Zusammenarbeit bietet sich demnach an und wird in den anderen Teilstaaten auch praktiziert. Wir fordern die DG auf,die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen zu intensivieren.
CM: Wir sind der Ansicht, dass die im Rahmen der 6. Staatsreform übertragenen Mittel nicht ausreichen werden, um den föderalen Verpflichtungen in ausreichendem Maße nachzukommen. Wir stellen fest, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung für den Bürger weder einfacher geworden ist, noch bezweifeln wir, dass er kostengünstiger geworden ist.

Worin sehen Sie die Schlüsselkompetenzen der ChristlichenKrankenkasse?

MG: Wir garantieren eine angepasste Dienstleistung für die Bürger ab der Geburt bis ins hohe Alter, wobei Solidarität erste Priorität bleibt. Die Bedürfnisse im Gesundheitsbereich erfassen wir täglich, bedingt durch die Nähe zur Bevölkerung durch unsere geographische und digitale Präsenz. Wir sind sowohl in Bezug auf unsere Geschäftsstellen als auch im Internet gut aufgestellt. Wir sind zudem das Sprachrohr der Patienten, die Verteidigung der Rechte unserer Mitglieder ist eine unserer Hauptaufgaben.Unsere Experten erheben zuverlässige Statistiken, wir verfügen über ein nationales Netzwerk, dem in der DG auch Bewegungen wie Alteo, Jugend & Gesundheit und die Eiche, oder auch Dienstleister wie die Familienhilfe VoG oder der Patientenrat & Treff angehören. Unser Angebot ist breit aufgestellt und jedem Bürger zugänglich. Wir sind Vorreiter und Initiativgeber, beispielsweise im Bereich des Eltern-Burnout oder der wertschätzenden Kommunikation, und Orientierungsgeber in der Gesundheitspolitik.

CM: Und ich möchte in diesem Zusammenhang betonen, dass wir auf dem Gebiet der DG intensiver denn je investieren, beispielsweise durch den Einsatz der Autonomieberaterin, die angepasste Lösungen für Personen, die vom Verlust der Eigenständigkeit betroffen sind, und deren Angehörige erarbeiten wird.

Neben der Gesundheitsförderung, einer engeren Konzertierung zwischen Akteuren und dem Ausbau des Pflege- und Betreuungsangebotes: Vor welchen weiteren Herausforderungen steht der Gesundheitssektor in der DG?

CM: Da ist natürlich die grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung. Wir müssen alles daran setzen, das Netz der Grundversorgung, das unter anderem aus Hausärzten, Fachärzten und Krankenhäusern besteht, aufrecht zu erhalten und weiter zu entwickeln. Darüber hinaus wird die Christliche Krankenkasse weiterhin Kooperationen mit Anbietern aus den Nachbarländern verfolgen und entwickeln, wie es beispielsweise aktuell imBereich der seltenen Erkrankungen im Rahmen des Interreg-Projektes EMRaDi geschieht.

Was sind Ihre Erwartungen an die nächste Regierung derDeutschsprachigen Gemeinschaft?

MG: Dass die Zusammenarbeit zwischen Politik und Krankenkassen auf Grundlage eines klaren Kooperationsabkommens mit einem öffentlichen Auftrag wieder intensiviert wird. Wir plädieren für einen Geschäftsführungsvertrag, der unabhängig von der aktuellen Regierung Bestand hat. Wir wünschen uns eine fachliche, sachliche und dynamische Zusammenarbeit mit den politisch Verantwortlichen und möchten als privilegierter Partner dazu beitragen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen: Memorandum der CKK zu den Wahlen 2019

 

 

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Edito

 

Liebe Leserinnen und Leser,

Die Frage der Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Arzneimitteln hat in letzter Zeit viel Raum in der Medienlandschaft eingenommen. Ob es um die Behandlung schwerer, seltener, chronischer oder akuter Krankheiten geht: wir wissen, dass nichts bestimmte Arzneimittel ersetzen kann. Doch wir wissen auch, dass sie das Gemeinwesen finanziell stark belasten. Die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Arzneimitteln werden in den kommenden Jahren eine große Herausforderung darstellen, für die die Christliche Krankenkasse sich mehr denn je einsetzen wird.

Doch wir sind der Ansicht, dass die Gesundheit unserer Gesellschaft auch durch eine andere, nicht patentierte Behandlung geschützt werden kann. Sie ist für jedermann frei verwendbar und hat nur positive Nebenwirkungen: das Zusammenleben. Zahlreiche Studien zeigen, dass die soziale Isolation und mangelnde Integration einen Zustand hervorrufen, der im Allgemeinen mit einer schlechteren körperlichen oder geistigen Verfassung in Verbindung steht. Andere wissenschaftliche Arbeiten kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass eine Freiwilligentätigkeit zum seelischen und körperlichen Wohlbefinden der Person beiträgt, die sie ausübt.

Was wäre, wenn wir uns überlegen würden, allem was zum Zusammenleben beiträgt, mehr Aufmerksamkeit zu schenken als bisher? Öffentliche Investitionen in die Förderung entsprechender Projekte können das Vorhaben nicht alleine schultern – denn die Unterstützung des Zusammenlebens ist nicht nur eine Frage der Finanzierung, sondern auch eine Frage der Kultur, der Bildung und des Wohlwollens.

Verbände, Strukturen, Schulen und Universitäten müssen sich an der Entwicklung von Verhaltensweisen beteiligen, die das Zusammenleben fördern. Die Medien, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Politiker müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Aber auch ein jeder von uns trägt Verantwortung: Sie und ich! Können wir erwarten, dass jeder von uns seine Fähigkeit, Bindungen zu anderen Menschen einzugehen, an der Organisation unserer Welt teilzunehmen, sei es auf kleiner oder großer Ebene, wieder in den Mittelpunkt seiner Bemühungen stellt? In einer Zeit, da unser Land gemeinschaftliche Turbulenzen durchlebt, in der die Gesellschaft mobilisiert werden muss, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen, besteht die dringende Notwendigkeit, den Weg wieder einzuschlagen, der zu Verhaltensweisen ermutigt, die Begegnung, eine gesunde, durchsetzungsstarke und fürsorgliche Beziehung fördern. Die Teilhabe ist Teil der Lösung! Wohlbefinden und Gesundheit sind das Ergebnis.

Madeleine Grosch
Verwaltungsratspräsidentin

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