ONLINE-MAGAZIN DER CHRISTLICHEN KRANKENKASSE VERVIERS-EUPEN
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EDITO

Die Ausgangssperre als Maßnahme gegen die Verbreitung des Coronavirus brachte von März bis Juni Einschnitte in den Alltag und Entbehrungen mit sich, die unserer modernen Gesellschaft bislang fremd waren: Kontaktverbot, Isolation und der zeitweilige Verzicht auf Traditionen und Rituale wie Beerdigungen oder Hochzeitsfeiern sind einige Beispiele für die Einschränkung der Freiheit, der wir in den vergangenen Wochen und Monaten ausgesetzt waren. Diese Einschnitte können auch eine Beeinträchtigung unserer mentalen Gesundheit zur Folge haben. Welche das sein können und wie wir ihnen begegnen können, erklären Achim Nahl, therapeutischer Leiter, und Olivier Warland, Geschäftsführer, des Beratung- und Therapiezentrum (BTZ) im Gespräch.

Herr Nahl, Herr Warland: Können Sie die Struktur der Einrichtung und die Dienstleistungen, die das BTZ anbietet, erklären?

Das BTZ ist eine Anlaufstelle für Beratung, Entwicklungsförderung und Psychotherapie. Es richtet sich an Personen jeden Alters, die mit schwierigen Lebenslagen konfrontiert sind. Das Angebot für Erwachsene und Jugendliche, Kinder und Familien enthält Einzelberatung, Paar- und Familiengespräche und Gruppensitzungen. Bei Einverständnis der Klienten arbeitet das BTZ mit Ärzten und anderen Dienstleistern des Sozial- und Gesundheitsbereichs zusammen.

Während der Ausgangsbeschränkungen hielt sich die Nachfrage nach diesen Dienstleistungen des BTZ laut Pressebericht in Grenzen. Sowohl bereits bestehende Patienten als auch neue Nutznießer traten in dieser Zeit kaum an das Zentrum heran. Welchen Zulauf erwarten Sie kurz-, mittel- und langfristig, sobald sich die Lage wieder „normalisiert“ hat?

Zur Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen war das BTZ während der Hochphase der Corona-Krise für dringende Termine bei Notlagen weiterhin zugänglich. Die Mehrheit der Beratungen erfolgte per Telefon oder Videokonferenz. Für neue Anfragen haben wir einen telefonischen Bereitschaftsdienst eingerichtet, und er wurde zunehmend in Anspruch genommen. Zu den Problembereichen gehörten beispielsweise Einsamkeit durch den Verlust sozialer Kontakte; depressive Verstimmungen und Zunahme von Ängsten in Folge von Isolation und dem Verlust sinngebender Tätigkeit; oder auch steigender Druck bei Personen mit psychischen Erkrankungen. Bei manchen Paaren haben Konflikte und der Gedanke an Trennung zugenommen; Eltern litten stark unter Mehrfachbelastung; Jugendliche suchten Hilfe für den Umgang mit Belastungen in der Familie.

Für manche Anrufer waren die Einschränkungen in Folge der Ausgangssperre die Hauptbelastung, während sie bei anderen bereits vorhandene Belastungen zusätzlich verstärkt haben. Der Bedarf nach Beratung und Therapie hat sich dadurch erhöht.

Wir sollten aber auch die Selbstheilungskräfte und die Kreativität berücksichtigen, mit der Menschen in schwierigen Lebenslagen neue Lösungen oder eine positive Einstellung finden: Manche Klienten haben sich ehrenamtlich für Senioren engagiert, und manche Eltern teilen uns mit, dass sie die „schulfreie“ Zeit mit ihren Kindern positiv erlebt haben.

Für welche Problembereiche erwarten Sie eine erhöhte Nachfrage? Wie wird das BTZ auf diese Nachfrage reagieren und wie möchten Sie die Betreuung des bestehenden Patientenstamms und potentieller neuer Patienten vereinbaren?

Neue Anfragen in direkter Folge der Corona-Krise sind zu erwarten: Belastungen bei der Wiederaufnahme des Alltags unter erschwerten Bedingungen in Beruf und Schule, begründete Existenzängste, Spätfolgen des erlebten Drucks und der Angst vor Erkrankung, Erschöpfung bei professionellen Helfern.

Wir stehen auch für Anfragen in Zusammenhang mit Trauer und Trauma in Folge von Krankheit und Tod von Angehörigen zur Verfügung. Traumafolgereaktionen und Trauer sind, genau wie Ängste, normale Reaktionen auf belastende Situationen. Sicher ist, dass unsere Arbeit der nahen Zukunft davon geprägt sein wird, die emotionalen Folgen der Corona-Krise aufzufangen.

Bei gleichbleibenden Mitteln gegenüber steigenden Anfragen müssen wir die vorhandenen Ressourcen anders verteilen. Derzeit hat eine Erstversorgung Vorrang, um den „alten“ wie „neuen“ Klienten zu helfen, mit den aktuellen oder gar akuten Belastungen so gut wie möglich umgehen zu lernen. Dies geschieht durch eine schrittweise Öffnung unserer Terminmöglichkeiten und eine Fortsetzung unserer breit aufgestellten Telefon- oder Videoberatung. Die Langzeittherapien werden in dieser Akutzeit nach Dringlichkeit gestaffelt werden müssen, auch in Absprache mit den anderen beteiligten Dienstleistern.

Während der Ausgangssperre haben mehrere freischaffende Therapeuten sich an einem telefonischen Bereitschaftsdienst für Pflegekräfte beteiligt, und daraus könnten neue Formen der Zusammenarbeit entstehen. Das schließt die Hoffnung auf neue, zusätzliche Ressourcen natürlich nicht aus.

Wie gestaltet sich eine psychologische Begleitung, beispielsweise im Fall einer Trauma-bewältigung? Ist sie ausschließlich auf die Sitzung mit dem Psychologen beschränkt oder gibt es „Übungen“, die der Patient zwischen den Konsultationen zu Hause verrichtet?

Traumafolgestörungen gehören trotz der Schwere der auslösenden Ereignisse zu den gut behandelbaren Symptomatiken. Die therapeutischen Gespräche vermitteln zunächst Techniken der Selbstfürsorge. Bei diesen ist es hilfreich, dass sie auch zu Hause „geübt“ werden – das verbessert das allgemeine Befinden und ermöglicht später ein schnelleres Vorankommen in der Therapie. Weiterhin wird in der Beratung auch gemeinsam überlegt, wie die Betroffenen für einen stabilen Alltag sorgen können. Traumabewältigung setzt eine gefestigte Lebenssituation voraus. Die Rückkehr zu einem „normalen“ Alltag kann oft ausreichend sein, um die Selbstheilungskräfte zu aktivieren und die Symptome deutlich zu reduzieren. Sollte es dann noch nötig sein, werden die Inhalte der traumatischen Erlebnisse in den Gesprächen mit Hilfe spezialisierter Techniken bearbeitet. Diese Vorgehensweise der „Hilfe zur Selbsthilfe“ wird im BTZ auch bei vielen anderen Arten von Anfragen angewendet.

Für unsere Leser, die aufgrund von Covid-19 mit dem Verlust einer nahestehenden Person konfrontiert wurden: haben Sie Ratschläge betreffend der Trauer- und Traumabewältigung? Welche Folgen hat es für einen Menschen, der seine Verwandten nicht im Krankenhaus besuchen oder von Familienmitgliedern Abschied nehmen darf? Was raten Sie betroffenen Personen?

Trauer ist eine natürliche Reaktion auf Verlust, insbesondere beim Tod geliebter Menschen. Corona kann jedoch traumatische Auswirkungen haben: durch plötzliche Krankenhauseinlieferung, Angst um den Kranken, Kontaktsperre und die Vorstellung, dass der Angehörige vielleicht allein stirbt, keine oder nur eingeschränkte Möglichkeiten des Abschiednehmens, Sicherheitsabstand statt tröstender Nähe, Beerdigung im kleinen Kreis, Verbot eines Totenkaffees… und alles viel schneller, als die Psyche es verarbeiten kann. Das Trauma überlagert dann die vertrauten Wege, die Trauer im Normalfall einschlagen kann.

Jede Situation ist anders, und jeder Mensch reagiert auf persönliche Weise. Allgemeine Ratschläge sind deshalb schwierig, doch nachfolgend vier mögliche Orientierungshilfen:

  •  Gemeinschaft und tröstliche Kontakte pflegen, auch aus der Ferne: mit Hilfe von Telefon und elektronischen Medien verbunden sein und Trauer teilen, den unterschiedlichen Gefühlen gemeinsam einen Platz geben;
  • Die Würde des Verstorbenen pflegen durch den Austausch von Erinnerungen aus dem Leben mit ihm, den Ausdruck von Dankbarkeit über das, was bleibt, eine Foto-Ecke im Haus, eine Gedenkseite in den sozialen Medien etc.;
  •  Der Trauer einen Platz durch vertraute Symbole geben: Kerzen, Blumen, Gebete und/oder Texte;
  •  Die Routine des Alltags einhalten und darin Halt und Struktur finden

Anstelle der Überrumpelung soll Zeit entstehen, in der die Seele „nachkommen“ und der Verstorbene wieder als „ganzer Mensch“ wahrgenommen werden kann. Das mobilisiert die Selbstheilungskräfte, und diese werden neue Wege finden, Belastung nach und nach in Dankbarkeit umzuwandeln.

Manchmal sind die Selbstheilungskräfte jedoch mit der Situation überfordert, weil der Schmerz zu groß, die Überrumpelung durch die Ereignisse zu plötzlich ist. Dann empfiehlt es sich, professionelle Hilfe zu suchen und anzunehmen

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Ereignissen der vergangenen Wochen und Monate?

Die Corona-Krise hat uns allen viele unfreiwillige Veränderungen unserer Gewohnheiten aufgezwungen, uns aber auch zu neuen Erfahrungen geführt: Home Office, Entschleunigung, Solidarität, bewussteres Einkaufen, verstärkte Kontaktpflege über elektronische Medien… Daraus entstehen neue Perspektiven und Herausforderungen. Es entsteht die Chance, bewusster zu leben, den Wert mancher Dinge und den Unwert anderer Dinge deutlicher zu erkennen. Es liegt an uns, diese Chance zu ergreifen.

Weitere Informationen:

Beratungs- und Therapiezentrum (BTZ)
4700 Eupen, Vervierser Straße 14-16, Tel. +32 (0)87 14 01 80
4780 St. Vith, Vennbahnstraße 4/6, Tel. +32 (0)80 65 00 65
info@btzentrum.be
www.btzentrum.be
www.facebook.com/btzentrum

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Edito

Liebe Leserinnen und Leser,

Ein Bote geht von Bord – kein „Götterbote“, wie es die Namensverwandtschaft zur griechischen Sagengestalt Hermes suggerieren könnte – aber ein Bote der Verständigung zwischen Völkern und der Vermittlung demokratischer Grundwerte: Jean Hermesse, vormaliger National- und seit 2007 Generalsekretär der Christlichen Krankenkasse, wurde im Sommer in den Ruhestand verabschiedet.

Seit meiner eigenen Wahl zur Vorsitzenden der Christlichen Krankenkasse in Ostbelgien stand ich in stetigem Austausch mit Jean Hermesse und kann ihm aus eigener Erfahrung ein offenes Ohr und ein tiefgreifendes Verständnis für die Belange der deutschsprachigen Mitglieder der CKK attestieren. Er hat den deutschsprachigen Zweig der Christlichen Krankenkasse stets als Partner auf Augenhöhe erachtet – eine Sichtweise, die selbst im Mehrvölkerstaat Belgien keine Selbstverständlichkeit darstellt. Jean Hermesse hat sich auch immer dafür eingesetzt, dass innerhalb des belgischen Gesundheitswesens nicht die geschäftlichen, sondern menschliche und gesellschaftliche Interessen an erster Stelle stehen, und sich gegen eine Zwei-Klassen-Medizin ausgesprochen.

Als Präsidentin der CKK werde ich sein Engagement und seine umfassenden Kenntnisse vermissen, als Wegbegleiterin wünsche ich ihm ganz einfach einen schönen, wohlverdienten Ruhestand.

Seiner Nachfolgerin, der in administrativen wie in repräsentativen Aufgaben bewanderten wie begabten Elisabeth Degryse, wünsche ich viel Erfolg bei der Ausführung ihrer anspruchsvollen Aufgabe – und ein ebenso glückliches Händ chen wenn es darum geht, die Belange auch der deutschsprachigen Belgier nicht aus den Augen zu verlieren.

Madeleine Grosch
Verwaltungsratspräsidentin

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