Homeoffice: Vorteile, Nachteile, Tipps

Das sogenannte Homeoffice1, also die Arbeit von zu Hause aus, wurde bereits praktiziert, bevor die Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 Anwendung fanden und somit die Grundlage für die weit verbreitete Heimarbeit geschaffen wurde, wie wir sie heute kennen. Infrage steht jedoch weiterhin, ob dieses Phänomen für den Arbeitnehmer vorteilhaft oder eher schädlich ist. Dazu äußert sich Annalisa Casini, Professorin für Arbeitspsychologie an der Universität Löwen, im Interview.

Frau Casini, hat die Arbeit von zu Hause aus seit Beginn des Lockdowns zugenommen und hat sich deren Inhalt verändert?

Beides trifft zu. Viele Unternehmen und ihre Mitarbeiter entdeckten plötzlich, dass man Dienstleistungen auch anders erbringen kann. Unterschiedlichste Einrichtungen haben sich die erforderliche Soft- und Hardware besorgt und ihre Arbeit neu organisiert. Auch die Art des Arbeitens selbst hat sich verändert. Mit Ausnahme jener Aufgabenbereiche, in denen Homeoffice keinerlei Option darstellt, haben sich viele Sektoren regelrecht neu erfunden. So erleben wir beispielsweise im Gesundheitswesen, einem Bereich, der für das Homeoffice als wenig geeignet gilt, den Durchbruch der neuen Technologien.

Inwiefern hat die Gesundheitskrise das Homeoffice verändert?

AC: Die Veränderung betrifft die Sichtweise. Die Notwendigkeit, sich an diese besonderen Umstände anpassen zu müssen, hat Menschen, die zögern, bestimmte Technologien zu nutzen, zu deren Einsatz gezwungen. Jeder ist gezwungen, seine Arbeit zu überdenken. Lehrer zum Beispiel mussten die Art und Weise, wie sie unterrichten, ändern. Sie können den Unterricht jetzt vollständig per Fernunterricht, persönlich oder co-modal [mehrere Verfahren einbeziehend] erteilen: einige Studenten sind physisch anwesend, während andere denselben Kursus gleichzeitig von zu Hause aus belegen. Dadurch ist es möglich, andere Zielgruppen zu erreichen.

Wer ist mit dem Homeoffice zufrieden, wer nicht?

AC: Das hängt zum Teil vom Charakter des Einzelnen ab: Vorliebe für Einsamkeit oder soziales Leben, Leichtigkeit im Umgang mit neuen Technologien usw. Vor allem aber hängt die Zufriedenheit von der Art der ausgeübten Tätigkeit und dem Unternehmen ab. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sind alle zufrieden, denn dann wurden ja auch Maßnahmen ergriffen, um dem Arbeitnehmer zu helfen: Unterstützung durch den Vorgesetzten, Schulung, Bereitstellung von Hilfsmitteln zur Erleichterung der Kommunikation zwischen Kollegen usw. Schließlich wirkt sich auch das Privatleben auf die Zufriedenheit mit dem Homeoffice aus. Eine Familie mit kleinen Kindern in einer kleinen Wohnung erlebt das Homeoffice nicht so wie ein Paar ohne Kinder.

Welche Vorteile hat das Homeoffice für Arbeitnehmer?

AC: Der erste Vorteil ist die Zeitersparnis durch den Wegfall des Weges zur Arbeit und zurück. Ein weiteres Interesse liegt in der Aneignung neuer technischer Fähigkeiten, aber auch in der Koordination und im Zeitmanagement. Der Arbeitnehmer kann sich auch besser konzentrieren, weil er nicht mehr von Kollegen unterbrochen oder durch Lärm belästigt wird.

 

Und was sind die Gefahren dieser Arbeitsweise?

AC: Es besteht die Gefahr, dass soziale Kontakte untergraben werden. Viele Kollegen sind auch Freunde, doch im Homeoffice können diese Freundschaften nicht gepflegt werden. Es kann zum „Brown out“ kommen und der Mitarbeiter sieht keinen Sinn mehr in der Ausübung seiner Tätigkeit. Dies wiederum kann zu Effizienzverlust oder sogar zur Kündigung seitens des Arbeitnehmers führen. Schließlich ist intensives Homeoffice der Identifizierung mit dem Unternehmen, mit seinen Gewohnheiten und Gebräuchen, abträglich. Durch die Distanz kann sich der Mitarbeiter den unternehmensinternen Entwicklungen, bspw. strukturelle und hierarchische Anpassungen oder Führungswechsel, nur schlecht anpassen und die Bindung an das Unternehmen fällt ihm schwer.

Wie lässt sich dieses Problem vermeiden?

Auch aus der Distanz ist es möglich, sich mit dem Unternehmen zu identifizieren. Es müssen Maßnahmen getroffen werden, die den Mitarbeiter unterstützen, die ihm die Werte des Unternehmens vermitteln und ihm aufzeigen, wie er sich an gemeinsamen Projekten beteiligen kann.

Häufig wird auf eine Gefahr der „Entmenschlichung“ hingewiesen, die Tatsache, dass die Arbeit ausschließlich aus dem Blickwinkel der zu erbringenden Leistungen betrachtet wird…

Meiner Meinung nach ist es gerade heute denkbar, eine sehr humane Form der Arbeit von zu zuhause aus zu erfinden. Hochentwickelte Kommunikationsmittel wie Videokonferenzen mit der Möglichkeit, nebenbei zu chatten, und andere private Kommunikationsmethoden ermöglichen uns eine regelmäßige Kommunikation. Die Gefahr der Entmenschlichung war in der alten Ära der Telearbeit eher vorhanden. Wenn sich Mitarbeiter heute entmenschlicht fühlen, ist das Management infrage zu stellen.

Wie können die Chancen dieser Arbeitsweise gefördert werden?

Der wichtigste Ratschlag für effizientes Homeoffice besteht darin, Grenzen zwischen Arbeits- und Ruhezeiten zu setzen. Das ist aus sowohl aus rechtlichen – denn wir werden nicht dafür bezahlt, 24 Stunden am Tag zu arbeiten – als auch aus Gründen der psychischen Belastung erforderlich. Berufliche und private Sphären überschneiden sich, es kommt also darauf an, sich selbst und seiner Familie Grenzen zu setzen. Wenn wir als Arbeitnehmer zudem feststellen, dass die durch das Unternehmen bereitgestellten Arbeitsbedingungen schlecht oder ungünstig sind, sollten wir uns mit den Kollegen besprechen und gegebenenfalls einen Vorschlag für kollektive Maßnahmen an den Verantwortlichen richten, da individuelle Anträge entweder ignoriert oder Nachteile mit sich bringen können.

Wie sieht das Homeoffice von morgen aus?

Wir bewegen uns meiner Ansicht nach auf Hybridlösungen zu. Die Manager werden erkennen, dass Homeoffice günstiger als das Großraumbüro ist und in vielerlei Hinsicht effizienter sein kann. Aber diese Hybridlösungen werden in die Arbeitsverträge aufgenommen werden müssen. Homeoffice wird somit eher zu einer strukturellen Regel als zu einer Ausnahme werden. Allerdings werden wir niemals nur von zu Hause aus arbeiten. Das würde sowohl dem Wohlergehen des Arbeitnehmers als auch dem des Unternehmens schaden. Für den Mitarbeiter ist es wichtig, eine Beziehungsdynamik und persönliche Beziehungen zu Kollegen und Vorgesetzten aufzubauen.

Tipps für das Homeoffice

Den Vorteilen der Heimarbeit (weniger Umweltverschmutzung durch Minimierung des Arbeitsweges, mehr Flexibilität etc.) stehen Nachteile wie erhöhte Sesshaftigkeit und übermäßiger Nahrungsmittelkonsum gegenüber. Auch können die Grenzen zwischen Privat- und Berufsleben verschwimmen und damit beispielsweise das Entstehen von Burnout-Symptomen oder einen schlechten Schlaf-Wach-Rhythmus begünstigen. Folgende Tipps machen Homeoffice zum Erfolgsmodell:

1. Das Homeoffice sollte sowohl von Arbeitnehmer- als auch von Arbeitgeberseite gewünscht sein (abgesehen von außergewöhnlichen Umständen);
2. Es sollte auch von beiden Seiten rückgängig gemacht werden können;
3. Es sollte teilzeitig ausgeübt werden: Experten empfehlen zwei Tage oder maximal drei Tage in der Woche, um Einsamkeit und Bewegungsmangel vorzubeugen. Die digitalen Hilfsmittel sind ferner deutlich weniger für Ideenaustausch und Kreativität geeignet;
4. Das Homeoffice sollte unter günstigen Rahmenbedingungen stattfinden: Technik, Büro, ruhiger Arbeitsplatz;
5. Es sollte organisiert sein: Der Kontakt zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten sollte gewahrt und flexible Zeitpläne festgelegt werden, um eine funktionierende Kommunikation auch mit Kunden zu ermöglichen. Fernbesprechungen via Video-Chat müssen strukturiert sein;
6. Die Zielsetzung von Aufgaben muss klar definiert sein, damit der Arbeitnehmer ein Ziel vor Augen und der Arbeitgeber die Gewissheit hat, dass Aufgaben wahrgenommen und durchgeführt werden;
7. Das Homeoffice muss eine rechtlichen Rahmen bekommen: so muss beispielsweise ein Treppensturz im eigenen Haus muss als Arbeitsunfall angesehen werden. Auch eine Beteiligung an den Haus- oder Mietnebenkosten wie Heizung, Strom, Internet oder Telefon kann vereinbart werden.

 

Quelle: En Marche/Stéphanie van Haezebrouck

1Wissenschaftlich betrachtet ist das Homeoffice Teil der Distanzarbeit. Drei unterschiedliche Formen sind anerkannt: Home-Office, die Arbeit in einer Geschäftsstelle des Unternehmens und ortsunabhängiges Arbeiten (unterwegs, insbesondere für Berater). In diesem Artikel befassen wir uns ausschließlich mit dem Homeoffice, also der Arbeit von zuhause aus.

 

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