Paarbeziehung und Elternschaft

Luc Schreiden (Psychologe, Psychotherapeut und Dozent an der Universität Lüttich)


In den weitläufigen menschlichen Beziehungen fällt einigen eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie erfordern mehr Einsatz, sie stellen unsere Gefühlswelt auf den Kopf, aber sie sind auch sehr bereichernd. Sie nehmen einen sehr wichtigen Platz in unserem Leben: die Paarbeziehung und die Elternschaft.

Paarbeziehung

Die Paarbeziehung wird häufig gleichgesetzt mit Austausch und Liebe. Aber diese Beziehung muss im Gleichgewicht bleiben, insbesondere durch einen gesunden Ausgleich zwischen zwei manchmal schwer miteinander zu vereinbarenden Bedürfnissen: mit dem anderen, aber auch mit sich selbst leben, ein Gleichgewicht finden zwischen „für andere da sein“ und „für sich selbst da zu sein“.

Das erste Bedürfnis – die Beziehung zum anderen – ist wohlbekannt und ist das Bestreben vieler Menschen: ihr Leben teilen, sich geliebt fühlen und ihre Zuneigung ausdrücken. Eine besondere Beziehung kann zu einem reichen und ehrlichen Austausch führen, wenn das gegenseitige Vertrauen groß genug ist. Aber den anderen zu entdecken, sich seinerseits lieben zu lassen, vor allem wenn man sich verwundbar fühlt, erfordert viel Energie.

Aber was ist mit dem zweiten, weniger bekannten Bedürfnis, „für sich selbst da zu sein“? Was bedeutet das eigentlich?

Im Allgemeinen wird dieses Bedürfnis unter Paaren schamhaft als „Bedürfnis nach Einsamkeit“ bezeichnet. Konkreter bedeutet „für sich selbst da zu sein“, an seinen inneren Rhythmus anknüpfen, in sich hineinhorchen, seine „Grenzen“ erkennen… Die Gefahr besteht, dass wir uns viel zu lange verlieren, vergessen (oder flüchten), mit allen hiermit verbundenen Risiken: sich nicht glücklich fühlen, Groll gegenüber dem anderen anstauen.

Um dieser Falle zu entgehen, suchen manche Paare die verbale Auseinandersetzung als Ausweg. Bei angestautem Frust kommt es zum verbalen Austausch… Die Partner erlauben sich dann viel mehr gegenseitige Distanz: die Beziehung wird kühler, jeder geht seiner Beschäftigung nach. Das ist der Augenblick, in dem beide sich jeweils in ihr „Revier“ zurückziehen… Diese Strategie kann erfolgreich sein, aber das Klima wird oft feindselig, mit belastenden Gefühlen, vor allem wenn man nachtragend ist oder zum Schmollen neigt. Der Preis, den man dafür zu zahlen hat, dass man sich Zeit für sich nimmt, ist sehr hoch; wenn diese Diskussionen sich häufen, können sie aufreibend sein und langfristig die Beziehungsfähigkeit untergraben.

Eine andere, weniger „mühevolle“ Alternative wäre es, sich gegenseitig einen vorübergehenden Rückzug innerhalb der Partnerschaft zu erlauben, damit jeder auch Augenblicke nur für sich hat (und sich selbst auch erlauben, das zu tun). Damit diese Strategie Erfolg hat, ist es wichtig, dass die Partner miteinander reden. Das Vorhaben sollte im Idealfall von beiden Seiten ausgehen, das heißt, dass beide Partner gleichermaßen die Möglichkeit haben müssen, sich auf sich selbst zu besinnen. Da wir alle verschieden sind, ist es auch normal, dass manche Menschen mehr „Privatsphäre“ benötigen und andere weniger. Die Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse des Einzelnen zu respektieren, gehört zu den Schlüsseln für eine erfolgreiche und harmonische Beziehung. Was aber für die Paarbeziehung gilt, gilt ebenfalls für die Familie: jedes Mitglied einer Familie braucht sein persönliches Reich, das, je nach individuellem Bedürfnis, mal kleiner, mal größer sein kann.

Elternschaft

Für die Eltern-Kind-Beziehung gilt die gleiche Herausforderung: ein zufriedenstellendes (und natürlich fließendes) Gleich-gewicht zwischen der Verfügbarkeit gegenüber dem Partner, den Kindern und sich selbst. Ein drei Monate alter Säugling braucht natürlich mehr Präsenz als ein zehnjähriges Kind oder ein achtzehnjähriger junger Mensch! Aber im Allgemeinen erzeugt der Gedanke, sich um sich selbst kümmern zu wollen, Schuldgefühle bei den Eltern, ganz gleich wie alt das Kind ist. Die Vorstellung, dass Eltern sich für ihre Kinder „aufopfern“ müssen, herrscht immer noch vor. Natürlich bedeutet Elternwerden auch auf einen Teil seiner Freiheiten verzichten, denn der „Elternberuf“ erfordert einen ungeheuren Energie- und Zeitaufwand. Das Ergebnis? Wir sind ausgebrannt, denn wir „versorgen“ uns nicht ausreichend, indem wir unser eigenes Wohlbefinden zum ausschließlichen Nutzen der Kinder vernachlässigen. Die zweite Gefahr besteht darin, seinen Aufgaben als Partner nicht mehr gerecht zu werden, also seine Paarbeziehung zu vernachlässigen.

Und dennoch, haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was das bei einem Kind auslösen kann, wenn es merkt, dass seine Eltern sich keine Zeit für sich und für ihre Beziehung nehmen? Muss an dieser Stelle daran erinnert werden, dass Kinder ungeheuer viel daraus lernen, was die Erwachsenen tun (und nicht nur aus dem, was diese sagen)?

Sich um sich selbst kümmern gehört also zu den erzieherischen Aufgaben der Eltern. Erziehung als „Selbstaufopferung“ ist deshalb keine gute Vorstellung: sich immer nur sagen „wenn die Kinder erwachsen sind, denke ich auch einmal an mich selbst“, dient keinem. Wenn wir uns niemals Zeit für uns nehmen, geben wir den Kindern auch keine gute Anleitung oder keine guten Vorbilder, an die sie sich halten könnten, um die „Wellen und Wogen ihres eigenen Lebens“ zu durchsegeln. Schlimmer noch, ohne diese Vorbilder, geben wir ihnen ein verzerrtes Bild der Erwachsenenwelt, die sie nur als Verpflichtung empfinden, in der man das Wesentliche außer Acht lässt, in der man sich selbst aufgibt. Aber ein Vater oder eine Mutter, der oder die sich Zeit für sich nimmt, fühlt sich besser und kann mehr für die Familie da sein. Alles gleicht dem Balanceakt des Seiltänzers.

Aber wenn Sie noch nicht überzeugt sind, schauen Sie sich doch ganz einfach ein Kind an, das seine Eltern glücklich sieht. Wer für sein eigenes Glück sorgt, braucht das seiner Kinder nicht zu vernachlässigen, sondern fördert es im Gegenteil sogar noch. Das eigene Glück ist der Grundton, auf den die Musik sich aufbauen kann.

Wie können Sie sich Zeit für sich nehmen?

Einige Ansätze

Wenn Sie von der Arbeit nach Hause kommen oder wenn der Tag zu Ende geht, nehmen Sie sich Zeit für Entspannung. Dafür müssen Sie sich nicht unbedingt zurückziehen oder aus dem Haus gehen: ganz gemütlich eine Illustrierte lesen, einem Hobby nachgehen (Basteln, Stricken, Gartenarbeit, …), die Musik hören, die man ganz besonders mag, oder ein ausgedehntes Bad nehmen, … das reicht bereits, um zu sich selbst zu finden. Etwas tun, das uns wirklich Spaß macht: Sport, Kunst, Entspannung, … Nicht umsonst haben Freizeitangebote, die den Menschen helfen, zu sich selbst zu finden und mehr auf sich zu hören, einen derartigen Erfolg (Meditation, Tai-Chi, Yoga, …). Sie fügen sich perfekt in das Harmoniebedürfnis der Partner oder der gesamten Familie ein.

Unternehmungen, die wirklich ALLEN gefallen: wenn es um die gesamte Familie geht, ist es nicht immer möglich, jede Woche jedem die Möglichkeit zu bieten, etwas ganz eigenes zu unternehmen. Glücklicherweise gibt es aber Dinge, die allen Freude bereiten. Das ist die beste Alternative: Wenn der Fahrradausflug Eltern wie Kindern zusagt, gewinnen alle auf allen Ebenen.

Letztlich dürfen wir die Kraft der sozialen Beziehungen nicht vernachlässigen. Sich Zeit für Freunde oder Angehörige nehmen ist auch eine Möglichkeit über die eigene Beziehung hinauszublicken und wieder zu sich selbst zu finden: mit Freunden gemeinsam ein Fußballspiel anschauen, eine Freundin anrufen, mit einer Freundin shoppen gehen oder mit Freunden wandern kann ein starkes Gefühl des Wohlbefindens auslösen. Aber wie bereits eingangs erwähnt sollte das alles miteinander besprochen werden. Die anderen Familienmitglieder dürfen dabei nicht übergangen werden, denn das Pendel schlägt dann leicht in die umgekehrte Richtung aus: Wenn wir nur für uns selbst da sind und zu wenig für den Partner oder die Kinder, erzeugt das Frust und Spannungen bei den anderen.

Teilen